Obdachlos - Perspektivlos

Der Zeitzeuge

Schulisch Fuß zu fassen war für ihn schwierig, da in seiner Familie nur Türkisch gesprochen wurde. Erst mit Schuleintritt lernte er Deutsch, schaffte dennoch einen guten Hauptschulabschluss, erwarb die Mittlere Reife und besuchte ein Technisches Gymnasium bis zur 11. Klasse. Durch die schwierige familiäre Situation fehlten Rückhalt und Unterstützung. Nach der Scheidung der Eltern kümmerte er sich um die kranke Mutter, die ihm keine Hilfe bieten konnte. Ein gemeinsamer Neuanfang sollte in der Türkei versucht werden, doch dort war der Zeitzeuge nie wirklich zu Hause. Deshalb kehrte er auf eigene Faust zurück und landete in seiner Heimat Deutschland in der Obdachlosigkeit. Ohne Familie, ohne Freunde, ohne Perspektive. Heute bemüht er sich intensiv, einen Ausbildungsplatz und Arbeit zu finden, um selbstständig und unabhängig leben zu können.

Zeitzeugeninterview mit einem wohnungslosen jungen Mann

Die fünf Schülerinnen und Schüler des Königin-Charlotte-Gymnasiums waren sehr gespannt auf das, was ihnen der nur wenig ältere Wohnungslose erzählen würde. Schon der Besuch in der Caritas-Tagesstätte hatte sie beeindruckt. Eigentlich hätte man den Aufenthaltsraum mit einer Kneipe verwechseln können, in der gespielt, gelacht, ferngesehen und sich unterhalten wird. Doch das Getränk ist hier günstiger und Konsumzwang gibt es nicht, denn sonst könnten sich die Menschen den Besuch nicht leisten. Auch ihr Gesprächspartner weiß, was es heißt, sich nichts leisten zu können. Ja, er habe schon öfter gehungert, weil er nicht wusste, wo er Essen bekommen könnte. Aber betteln, nein, das sei nicht sein Ding, das könne er nicht, da schäme er sich. Also lieber hungern. Leicht hat er es nie gehabt, weder in der Familie noch in der Schule. Als der geplante Neuanfang platzte, blieb ihm nichts außer dem Rückflugticket. Zurück in seiner Heimat fand er sich als Obdachloser auf dem Flughafen wieder. Der Weg ins betreute Wohnen war alles andere als einfach. Dabei fühlt er sich schon als Teil der Gesellschaft. Leichter wäre es aber, wenn er endlich Arbeit finden würde.

Linktipps der Projektgruppe

  • www.caritas-stuttgart.de: Der Caritasverband für Stuttgart e.V. unterhält in Stuttgart verschiedene Beratungsstellen für Wohnungsnotfälle. Die Zuständigkeit ist in der Regel vom Wohnort abhängig. In anderen Stadtteilen kümmert sich beispielsweise die Evangelische Gesellschaft (eva: www.eva-stuttgart.de) um Obdach- und Wohnsitzlose.
  • www.trott-war.de: Trott-war heißt die Straßenzeitung im Südwesten. Sie bietet Menschen in sozialen Notlagen durch den Zeitungsverkauf eine Beschäftigung mit niedrigen Einstiegsvoraussetzungen. Mit der Arbeit und dem eigenen Verdienst wächst das Selbstwertgefühl und durch den Kundenkontakt erfahren die Verkäufer gesellschaftliche Akzeptanz. Außerdem bietet die Zeitung spannende Inhalte.
  • www.evangelische-obdachlosenhilfe.de: Auf dieser Website informiert der Fachverband der Diakonie für die Wohnungslosenhilfe. Die Diakonie ist in Deutschland mit einem Anteil von 50 Prozent der größte Träger der Wohnungslosenhilfe. Als „wohnungslos“ gelten dabei arme und gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen, die obdachlos, wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Dies sind über 250.000 Menschen in Deutschland.