„Deutschland ist ein Einwanderungsland.“ Über diesen Satz wurde lange gestritten, obwohl die deutsche und europäische Geschichte von Beginn an eine Geschichte der Migration ist.    

19 Prozent der Bevölkerung in Deutschland hatten im Jahr 2005 einen Migrationshintergrund, d. h. sie sind aus dem Ausland zugewanderte oder in Deutschland geborene Ausländer, Spätaussiedler oder Kinder mit mindestens einem Elternteil, der eines dieser Merkmale erfüllt. Also fast jeder Fünfte in Deutschland kennt die Erfahrung, sich in einer neuen Umgebung und Sprache zurechtfinden zu müssen oder zwischen bzw. mit zwei Sprachen, Traditionen und Kulturen zu leben.  

Immer mehr Menschen auf der ganzen Welt verlassen ihre Heimat, um ihren Lebensmittelpunkt an einen anderen Ort zu verlegen. Mehr als 150 Millionen Menschen weltweit leben als Migranten in einem Staat, der nicht ihre ursprüngliche Heimat ist, weil sie ihrer Familie folgen, andernorts bessere Arbeitschancen haben oder weil sie vor Krieg, Hunger und politischer Verfolgung fliehen. Ob sie die Heimat je wiedersehen, für wie lange sie in die Emigration gehen, wissen sie meist nicht. Sie bringen ihre Sprache, Religion, Tradition und Kultur, ihr Verständnis von Familienleben und Autoritäten – vom gesellschaftlichen Leben – ins Einwanderungsland mit.    

Integration, Assimilation oder Parallelgesellschaft

Das Selbstverständnis der deutschen Demokratie überlässt es jedem selbst, wie er leben möchte, so lange er sich an die Gesetze und die demokratische Grundordnung hält. Dennoch hat der Staat ein Interesse daran, Zuwanderer in die Gesellschaft zu integrieren. Für die Integration braucht es immer zwei Gruppen: die Migranten und die bereits anwesende Bevölkerung. Integration ist ein Prozess des Sich-Kennenlernens und Zusammenwachsens. Im Gegensatz zur Assimilation (völlige Anpassung), verlangt Integration nicht das Aufgeben der eigenen kulturellen Identität.    

„Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, sagte der türkische Ministerpräsident Erdogan im Frühjahr 2008 vor etwa 20.000 meist türkischen Zuhörern in Köln. Es sei zwar wichtig, Deutsch zu lernen, aber die türkische Sprache dürfe darüber nicht vernachlässigt werden. Die Türken stünden in Europa vor der Herausforderung, ihre Identität und ihre Kultur zu bewahren. Nicht nur vor seinem Kölner Publikum, sondern in der ganzen Türkei hat Erdogan dafür viel Beifall bekommen, in Deutschland herrschte dagegen meist blankes Entsetzen und die Worte wurden als Angriff auf die Integrationsbemühungen gesehen. Hieran wird deutlich, wie schwierig der Prozess der Integration ist und vor allem wie wichtig dabei miteinander Reden, aufeinander Zugehen und das Gefühl von gegenseitigem Respekt und Achtung sind. Auch verbriefte Minderheitenrechte können Integration fördern, da sie gerade die kulturelle Identität der Minderheit schützen.  

Gelingt die Integration von Zuwanderern nicht, bildet sich eine Parallelgesellschaft, d. h. das Leben findet in der zugewanderten Gruppe statt, Kontakte mit der deutschen Gesellschaft werden auf ein Minimum reduziert, die Sprachbarriere vertieft sich, eine Identifikation mit dem Land, in dem man lebt, findet nicht statt.

Integration gibt es nicht zum Nulltarif

Ohne die Landessprache ist Integration nicht möglich. Auch müssen Migranten Traditionen, Umgangsformen und Gepflogenheiten ihrer neuen Heimat kennen und sich an sie anpassen. Das heißt allerdings nicht, dass sie dafür ihre eigene Kultur aufgeben müssen. Ein wichtiger Schritt dorthin ist, sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen und kulturelle Vielfalt als Bereicherung statt als Bedrohung zu begreifen. Der Buchdruck des Deutschen Johannes Gutenberg hat die Welt revolutioniert, das indisch-arabische Zahlensystem von 0-9 aber genauso und das sind nur zwei von vielen Beispielen.  

Auf der anderen Seite müssen Migranten aber auch das Recht zur gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft bekommen. Wie soll man sich integrieren, wenn im Wohnviertel 80 % Ausländer sind und andere „bessere“ Wohnviertel sich abschotten oder unerschwinglich sind. Warum sind Kinder mit Migrationshintergrund so viel schlechter in der Schule und erhalten selbst bei gleicher schulischer Leistung seltener eine Gymnasialempfehlung als deutsche Kinder? Wichtig für eine Demokratie ist die Möglichkeit zur politischen Einmischung, etwa über die Öffnung des kommunalen Wahlrechts für Nicht-EU-Bürger, wie es immer wieder gefordert und diskutiert wird. Hierfür wäre eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat nötig und die kam bisher nicht zustande.    

Warum Menschen nach Deutschland kommen

Gründe gibt es viele: Menschen verlieben sich, hoffen hier auf eine bessere Zukunft, werden als billige oder hoch spezialisierte Arbeitskräfte von uns ins Land geholt oder suchen bei uns Schutz vor Verfolgung und Vertreibung im eigenen Land.   Ob als Asylant oder Wirtschaftsflüchtling, als in Deutschland geborener Ausländer oder eingebürgerter Ausländer – Zugewanderte werden immer wieder diskriminiert und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Das ändert man nicht mit neuen Begriffen – in Nordrhein-Westfallen heißen Migranten nun offizielle „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ –, sondern durch Gesetze und Maßnahmen, die echte Chancengleichheit und Integration ermöglichen, und durch eine andere Einstellung und Offenheit jedes Einzelnen.