„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es wortwörtlich im Grundgesetz und auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht der Begriff gleich im ersten Artikel. Menschenwürde muss man sich nicht verdienen oder erarbeiten. Jeder besitzt sie von Geburt an – und doch wird sie viel zu oft mit Füßen getreten.    

Menschenwürde ist keine Eigenschaft wie Klugheit, Schönheit oder Großzügigkeit. Dem Begriff der Menschenwürde liegt die Idee zugrunde, dass jeder Mensch allein schon durch seine Existenz wertvoll ist. Trotzdem ist der Begriff der Menschenwürde schwer zu fassen und wird in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht. Bei der Debatte um Sterbehilfe ist von menschenwürdigem Sterben die Rede, die Forschung an embryonalen Stammzellen ist je nach Sichtweise ein Verstoß oder Gebot der Menschenwürde. Eine Presseagentur meldete, dass ein Gericht entschieden hat, ein Berliner Gefängnis verstößt gegen die Menschenwürde, weil mehrere Gefangene in einer Zelle ohne räumlich abgetrennte Sanitäranlagen untergebracht sind. Und dann kennt wohl jeder den Spruch „Das ist unter meiner Würde“.    

Ein Begriff mit alten Wurzeln

Bereits in der Antike wurde von Würde gesprochen. Hier allerdings in zwei unterschiedlichen Zusammenhängen, die beide heute noch spürbar sind. Da gab es zum einen die Würde als Kennzeichnung einer gesellschaftlichen Position. Menschen hatten unterschiedlich viel davon und die Menschen an der Spitze der Gesellschaft wurden als Würdenträger bezeichnet. Sie erkannte man an ihrer Kleidung und an Symbolen der Macht. Beispiele dafür sind heute die Bürgermeisterkette oder das Kardinalsgewand. Würde war zum anderen auch schon in der Antike das, was allen Menschen gleichermaßen zukommt und sie gegenüber Tieren auszeichnet. Als Grund dafür wurden die Vernunft und in der christlichen und jüdischen Tradition die Gottesbildlichkeit des Menschen angeführt.  

Der Philosoph Immanuel Kant leitete Menschenwürde vor allem von der Autonomie des Menschen ab. Der Mensch hat die Wahl – er kann entscheiden, wie er handeln will, und die Entscheidung hängt von seinen sittlich-moralischen Werten ab, die von den Menschen über die Jahrtausende selbst entwickelt wurden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff dann zu einem politischen Schlagwort der Arbeiterbewegung, die menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen einforderten. Unter dem Eindruck der den Menschen entwürdigenden Vorgänge während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland wurde die Menschenwürde nach 1945 zum Mittelpunkt des deutschen Wertesystems und hat auch in anderen nationalen und internationalen Verfassungen und Erklärungen einen zentralen Stellenwert bekommen.    

Menschenwürde und Menschenrechte

Menschenwürde ist nicht nur ein philosophischer Begriff, sondern beinhaltet eine Verpflichtung. Aus ihr lassen sich die anderen Menschenrechte ableiten. Das gilt sowohl für das Diskriminierungsverbot, die Freiheitsrechte (etwa die Meinungsfreiheit) und die Schutzrechte (wie das Folterverbot oder die Garantie einer fairen Gerichtsverhandlung), als auch für die sozialen Menschenrechte. Letztere stecken die Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben ab. Dazu gehört das Recht auf Freizeit und Bildung genauso wie das Recht auf gesundheitliche Versorgung, Wohnung und Arbeit.  

Aber ist Arbeit, die so schlecht bezahlt wird, dass ein menschenwürdiges Leben ohne zusätzliche staatliche Unterstützung nicht möglich ist, mit Menschenwürde vereinbar? Achtet ein Staat die Menschenwürde, wenn Alte und Kranke in Heimen untergebracht werden, deren Personal so knapp bemessen ist, dass kaum Zeit für Zuwendung und Beschäftigung mit den Menschen bleibt? Wie werden Asylbewerber bei uns untergebracht und versorgt?    

Terrorismus und Menschenwürde

Der weltweite Terror gefährdet die Einhaltung von Menschenwürde und Menschenrechten. Demokratische Staaten bieten durch die Freiheitsrechte des Einzelnen immer Angriffsfläche für Terror. Im Zuge der Anti-Terrorbekämpfung wurden Freiheitsrechte bereits erheblich beschnitten. Ein Beispiel dafür ist die Lockerung von Datenschutzbestimmungen wie die Speicherung von digitalen Daten über einen bestimmten Zeitraum oder die Möglichkeiten zum Ausspionieren fremder Computer.    

Werden Terroristen gefasst, fällt es oft schwer, sie menschenwürdig zu behandeln. Sie selbst handeln ihrerseits ja menschenverachtend und nehmen für ihre Zielsetzung alles in Kauf. Bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 sind über 3000 Menschen ums Leben gekommen, Opfer von Entführungen sind der Todesangst ausgesetzt oder werden durch öffentliches Vorführen gedemütigt. Dennoch steht ihnen Menschenwürde zu – sie ist unantastbar.