Égalité, Gleichheit, das große Schlagwort der französischen Revolution 1789, gehört zu den Grundforderungen der Demokratie. Das bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind.  

Sind wir Menschen alle gleich? Nein, natürlich nicht. Das wäre ja auch langweilig. Das Gegenteil gilt: Jeder Mensch unterscheidet sich vom anderen – selbst bei Zwillingen. Daraus entsteht eine Vielfalt und Buntheit, aus der heraus Neues entstehen kann. Würden wir alle gleich denken, handeln, fühlen, gäbe es keinen Fortschritt und keine Entwicklung. Gleichheit meint gleiche Rechte, gleiche Bedeutung, gleiche Wertigkeit und damit gleiche Würde für alle, egal, welcher Nationalität oder Volkszugehörigkeit oder welchem sozialen Stand jemand angehört.    

Gleichmacherei ist etwas anderes als Gleichheit

Als ab 1909 die ersten Kibbuzim in Israel entstanden, wurde dem Gleichheitsprinzip sehr hohe Bedeutung zugemessen. Privateigentum gab es nicht, alles gehörte allen: Frauen durften mitbestimmen (in Deutschland erhielten Frauen erst 1918 Wahlrecht, im letzten Schweizer Kanton Appenzell 1990!) und jeder sollte dasselbe bekommen. Bei der Kleiderausgabe erhielt man einfach die nächste Hose und das nächste Hemd, ob es nun passte oder nicht. Jeder sollte jede Arbeit einmal übernehmen, ob er dafür begabt war oder nicht. Auch die Kibbuzim erkannten rasch, dass ein so starres Auslegen von Gleichheit wenig sinnvoll ist. Schon bald trug jeder Schuhe in seiner Größe …    

Gleichheit als Menschenrecht bedeutet:

  • Gleichheit vor dem Gesetz: Verbote und Gebote gelten für alle gleichermaßen. Übertritt jemand ein Gesetz wird er dafür unabhängig von seinem Einkommen, seiner Stellung oder seiner Herkunft zur Verantwortung gezogen.  
  • Gleichheit der politischen Gewichtung: Nachdem sich Bürger eine politische Mitsprache erkämpft hatten, galt zunächst vielfach das Zensuswahlrecht. Man fand es ganz normal, dass derjenige, der mehr Steuern bezahlte auch ein größeres Mitspracherecht erhielt. Heute gilt das nicht mehr. In einer Demokratie zählt jede Stimme gleich.  
  • Gleichberechtigung der Geschlechter, Nicht-Diskriminierung und Chancengleichheit.   

Chancengleichheit ist ein relativer Begriff

Nicht-Diskriminierung bedeutet, jedem die gleichen Chancen einzuräumen, die in seinem Umfeld möglich sind: ihm gleiche Ausgangsbedingungen, Zugangsmöglichkeiten und Nutzung von Ressourcen zu verschaffen. Chancengleichheit bedeutet also nicht, dass ein Kind in einem Dritte-Welt-Land dieselben Möglichkeiten hat wie ein Kind in Deutschland, obwohl das wünschenswert wäre. Arme Länder können nur begrenzt Schulen und Universitäten errichten und unterhalten. Aber jedes Kind sollte gleichermaßen die Chance auf einen Schulbesuch haben und nicht etwa durch Kinderarbeit daran gehindert werden.

Selbst in Deutschland ist Chancengleichheit ein relativer Begriff. So findet allgemeine Zustimmung, dass jedes Kind, ob arm oder reich, an einer Klassenfahrt teilnehmen können muss. Reichen die finanziellen Mittel der Eltern dazu nicht aus, springt in der Regel die Schule ein. Dagegen wird es wohl von den meisten Menschen als ganz normal angesehen, dass das eine Kind vier Wochen im Sommer in die Karibik fährt, das andere Kind zu Hause bleibt und eventuell an einem Ferienprogramm der Stadt teilnehmen kann.    

Die Lage in Deutschland

Werden bei uns wirklich alle Bürgerinnen und Bürger gleich behandelt? Wohl kaum – sonst würden sich sämtliche Gleichstellungsbeauftragte erübrigen. Frauen haben zwar in ihrer gesellschaftlichen Position stark aufgeholt, doch nicht überall konnte Gleichberechtigung (z. B. gleiche Arbeit – gleicher Verdienst) und Chancengleichheit erreicht werden. Während des Bundestagswahlkampfes 2003 waren bei der Berichterstattung über Frau Merkel nicht selten ihre Frisur oder die Wahl des Kostüms wichtiger als ihre politischen Ziele. Kinder mit Migrationshintergrund oder ausländischer Herkunft haben häufig nicht dieselben Chancen wie Kinder deutscher Eltern. Kinder von Alleinerziehenden haben ein deutlich höheres Armutsrisiko als andere Kinder. Diese Liste könnte man noch lange fortsetzen. Gleichzeitig aber stellt sich unsere Gesellschaft immer wieder ihrer Verantwortung zur Gewährung von Gleichheit und Chancengleichheit. Ein Beispiel dafür ist der Ausbau der Kleinkindbetreuung, um jungen Frauen zu mehr Chancengleichheit in der Arbeitswelt zu verhelfen.